BdP Stamm Graue Wölfe Friedrichsdorf e.V.

Fahrtenberichte

Eiskalt – ein Grauer Wolf (bzw. Wölfin) in Kanada

veröffentlicht im: Der Graue Wolf, Ausgabe 62, April 2000

Es war ja schon lange geplant und groß angekündigt worden: Das Weltpfadfindertreffen zum Jahrtausendwechsel „Jam des Neiges“ in Quebec (Kanada). Schien sich nur im Bund nicht ganz rumgesprochen zu haben, aber immerhin 5 BdP‘ler wagten die Reise über den großen Teich. Und soviel schon mal vorweg: Wer nicht da war, hat wirklich etwas verpasst.

Jam des Neiges Also los, der angesetzte Termin war vom 27.12.1999 bis 05.01.2000 im tiefgefrorenen, trotzdem wunderschönen Quebec, dem französisch-sprachigen Zentrum des Landes (10 Flugstunden von hier).

Nach wochenlanger Vorbereitung – zum Beispiel Aufkaufen sämtlicher Winterkleidung im Umkreis – macht sich am Abflugtag Aufregung und Spannung breit, solch eine Art Reise kommt eben nicht jeden Tag vor. Zumal, wenn man schon vorher für diese Unternehmung schier für verrückt erklärt wird und die Tatsache vor Augen, dort wirklich kein Schwein zu kennen. Zumindest letzteres sollte sich in den folgenden Tagen ganz schnell ändern. Nach einmal umsteigen und einigen Streitigkeiten mit dem Zoll wegen meines „Tierimports“, sprich meinem Schaffell, war ich endlich auf kanadischem Boden, und sofort schlug mir ein eisiger, für mich als Mitteleuropäer doch recht unangenehmer Wind entgegen. Kurz nach Schal, Mütze und Gesichtsschutz gegriffen, und es war zu ertragen. Viel wärmer war dann auch der Empfang am Quebecer Flughafen. Dort war ein Team Kanadischer Pfadfinder abgestellt, um ein Transportshuttle zu organisieren. O.k., nach 10 Stunden Warten auf dem Flughafen waren die auch nicht mehr so motiviert.

Dann ging‘s ab zum Ort des Geschehens: einem ehemaligen Militärplatz mitten in der Stadt, der für dieses Event in eine riesige Zeltstadt verwandelt wurde, denn es wurde natürlich – wie sich das gehört – draußen übernachtet. Auch wenn man sich das bei –20°C erst mal nicht so gut vorstellen kann. Die erste Nacht durfte ich noch mal im Warmen in einer großen Halle genießen, weil alle für die Zelteinteilung Zuständigen schon „Feierabend“ hatten. Am nächsten Tag konnte ich mich einschreiben und meine Ausstattung abholen (so richtig offiziell mit Namensschild und Lagerhalstuch) und natürlich mich mit dem doch gewöhnungsbedürftigen Akzent im hiesigen Französisch bekannt machen. Trotz internationaler Besucher aus insgesamt 47 Ländern war mit Englisch doch reichlich wenig auszurichten. Erstaunlich war, wie schnell doch die Sprachbarrieren gefallen sind: Am Ende hat man gar nicht mehr gemerkt, ob man gerade auf französisch, englisch oder spanisch angesprochen wurde.
 
Aber erstmal der Reihe nach: Der Lagerplatz war in verschiedene sogenannte Subcamps unterteilt, wovon jedes mit einem eigenem Motto versehen war. Da waren zum Beispiel:
  • Tiere des Polarkreises
  • Friedensnobelpreisträger
  • Naturphänomene
  • Zeitalter
  • Gebirge der Welt
Ich bezog also mein Quartier im Zelt 3202 mit etwa 20 anderen Australierinnen und Portugiesinnen. Die sollte ich allerdings nicht so oft sehen, weil ich – als Teilnehmer über 18 Jahre – mich als „Bénevole“ (freiwilliger Mitarbeiter im internationalen Serviceteam) eingeschrieben hatte und dementsprechend einen anderen Tagesablauf hatte. Mein Arbeitsgebiet war im Küchenteam, klingt jetzt sicher nach Drecksarbeit, war aber wirklich lustig, weil ich dort viele Leute kennengelernt habe und nicht zuletzt weil ich immer an der Futterquelle saß (?). Immer nachmittags bis abends war ich eingeteilt zur Essensausgabe und Auslagenauffüllung. So konnte ich vormittags die Stadt, hauptsächlich die Altstadt, erkunden. Während ich mir doch ziemlich den A.... abgefroren habe, konnte ich überall sehen, wie sich die Einheimischen an die Kälte gewöhnt und angepasst haben:
  • Autos lässt man über Nacht laufen, weil sie sonst am nächsten Tag nicht mehr anspringen würden.
  • Bei viel Schnee wird nicht nur die Straße geschippt, sondern auch das Dach regelmäßig abgekehrt und die Eiszapfen abgeschlagen.
  • Kanadische Häuser haben grundsätzlich zwei Haustüren hintereinander, damit der Schnee keine Chance hat, in die Wohnung zu wehen.
  • Für den Schulweg oder den Einkauf ist der Schlitten einfach praktischer als das Auto.
  • Alle Bäume erhalten für die Wintermonate eine feste Umwicklung aus Plastik.
Weniger gut verkraftet hat die Kälte die Delegation aus Ghana, die noch nie zuvor überhaupt Schnee gesehen hatte, und dann sowas. Einige durften gleich die eigens eingerichtete Krankenstation frequentieren, immerhin im Haus und mit richtigen Betten...

Insgesamt ist Quebec ein traumhaftes Städtchen direkt am Meeresarm – und mit mehr als genug Touristenfallen aber auch vielen Attraktionen: Schlittenfahrten im Vierspanner, Rutschen auf einer 200 Meter Eisrutsche, Schlittschuhbahnen entlang der Ufer, Museen zur Geschichte der französischen Immigranten und zur – für europäische Verhältnisse sehr jungen – Stadtgeschichte und schließlich die unzähligen Souvenirlädchen – ich habe nicht einen einzigen richtigen Supermarkt gesichtet, aber jede Menge Pfadfinder (komisch aber auch).

Jam des NeigesÜberhaupt muss dieser Ort einen ungemeinen Aufschwung erlebt haben, wenn schon 3800 Pfadfinder sich 10 Tage lang hier tummelten. Unvermeidlich war also auch die ständige Pressepräsenz auf dem Lagergrund, die die Jugendlichen filmten und interviewten. Die erste Frage war stets: „Hast du schon jemals Schnee gesehen?“ Wenn man bejahte, war man schon wieder uninteressanter für die rasenden – bzw. eher schlitternden – Reporter. Aber selbstverständlich hatten wir auch unsere Paparazzi in den eigenen Reihen, denn zu einem richtigen Lager gehört auch eine Lagerzeitung. Pressemitarbeiter, auch „Bénevoles“, hatten einen eigenen Ausweis und standesgemäß immer einen gezückten Bleistift dabei. Das Ergebnis war doch recht erstaunlich, die mehrmals in diesen zehn Tagen erschienene „Frisson“, die wirklich für jeden interessante Neuigkeiten bot, weil sie stets dreisprachig gedruckt wurde.

Ein anderes Team von Freiwilligen war die Security, bei solch einer Massenveranstaltung unverzichtbar. Nur war dieser Job nicht sehr beliebt, wer will schon tagsüber oder sogar nachts acht Stunden lang durch die Kälte laufen, um fortwährend zu kontrollieren, ob alles in Ordnung ist. Dafür gab es für alle Freiwilligen ein Extra-Räumchen, die „Oasis“, in dem es zu jeder Tages- und Nachtzeit heiße Getränke und Kekse gab, ein willkommener Ort für nette Gespräche und neue Bekanntschaften... In der Halbzeit wurde eigens eine Feier für die Bénevoles eingerichtet, mit einem traditionellen kanadischen Abend, sodaß auch sämtliche Freiwillige bei Laune gehalten wurden. Für mich beeindruckend dabei war der große Abschlusskreis – in 5 Sprachen gleichzeitig gesungen.

Für die Kids von 13 bis 17 Jahren wurde unterdessen an Programmpunkten und Highlights nicht gespart. Im Angebot waren unter anderem Ausflüge in die winterliche Wildnis mit waschechten Trappern, Skikurse, Snowrafting mit riesigen Schlauchbooten, Pionieren im Winter mit Iglubau, Nachtwanderungen... Dass die Tage für sie anstrengend und aufregend waren, merkte ich abends an den Gesprächen im Zelt. Für alle, die tagsüber einfach nicht tot zu bekommen waren, gab es abends in zirkuszeltartigen Gebilden noch mal Programm. Dort gab es Vorführungen einzelner Gruppen – zum Beispiel konnten die Leute aus Kenia wunderbar Dudelsack spielen – oder aus dem Fernsehen abgeguckte Gameshows. Ein weiteres dickes Plus war die Tatsache, dass man nur mit dem Vorzeigen des Teilnahmeausweises für das „Jam des Neiges“ in viele städtische Einrichtungen völlig umsonst hineinkam. Leider hatte selbst in Kanada, wo die Uhren ja bekanntlich anders laufen (nämlich genau 6 Stunden später) der Tag auch nur 24 Stunden, ich bin jede Nacht schlags-k.o. in meine  (meistens warme) Penntüte gefallen und konnte ja zum Glück halbwegs ausschlafen.

Genau an dieser Stelle komme ich zu einem Punkt, der mich bei allem Spaß, den ich sicherlich hatte, an meine eigenen Grenzen brachte. Wenn man daheim sagt, es ist kalt, dann ist das in Kanada allenfalls lächerlich. Da die Kanadier schon wussten, dass die ganzen Weithergereisten keine Vorstellung von richtiger Kälte haben, gab es ausführliche Verhaltenstipps und eine Liste mit mitzubringender lebenswichtiger Ausrüstung. Um die Zelte wenigstens halbwegs bewohnbar zu machen, wurden Generatoren aufgestellt, die die Zelte meistens auf 0 bis 5°C (plus wohlgemerkt) heizten. Nur in einer Nacht fiel dieses Ding für unsere „Wohnung“ komplett aus, sodaß jetzt auch innen –25°C herrschten und mir zum allerersten Mal der Schlafsack von außen gefroren ist – widerlich. Auf diese Art hatte ich mir gleich einen Schnupfen als Souvenir eingefangen, was auf dem Lager doch ziemlich oft auch bei anderen vorkam. Gegen Ende waren Taschentücher fast genauso begehrt wie die diversen Badges, die eifrig von den Pfadfindern getauscht wurden.

Für die „Nacht der Nächte“ hatten die Organisatoren – die übrigens schon zwei Jahre vorher mit der Planung begonnen hatten – ein nicht gerade kleines Fest auf die Beine gestellt. Als früh morgens am 31. Dezember über die auf dem gesamten Lagergrund verteilten Lautsprecher die Durchsage kam, dass in Neuseeland bereits Sylvester gefeiert wird und die Welt nicht untergegangen ist, war keiner mehr zu halten. Folglich haben wir ca. 16 Stunden nur gefeiert. Morgens um acht hieß es schon mal Happy New Year für die Australier, die alle mit einem typischen Frühstück aus Down Under überraschten. Die Feierstimmung riß  bis nachts um vier nicht ab, als schließlich die Südamerikaner an der Reihe waren. Bei dem Countdown für Mitteleuropa, also auch Deutschland, um 18 Uhr abends haben natürlich tendenziell mehr Franzosen gefeiert. Um Mitternacht gab‘s das obligatorische Feuerwerk von einem eigenen Pyrotechniker, danach ein Buffet, das eine komplette Turnhalle hätte füllen können und eine Discoparty für die Kids. Das war schon ein komisches Bild: Lauter Pfadis in Rolli und Snowboots, die wie die wilden tanzen – ein gelungener Event.
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